Europatour 2016

2016 reiste Kitchen on the Run durch Europa. Für jeweils vier Wochen besuchten wir die Städte Bari (Italien), Marseille (Frankreich), Duisburg (Deutschland), Deventer (Nieder­lande) und Göteborg (Schweden). Diese Reise folgte einer Route von Süd-­ nach Nordeuropa. Zum einen, um auf die zum Zeit­punkt der Planung (Januar 2015) „klassische“ Fluchtroute vieler Menschen hinzuweisen, zum anderen, weil die bereisten Länder damals die meisten Geflüchteten innerhalb Europas aufnahmen.

Insgesamt begegneten sich auf der Europatour 2.400 Menschen jeglichen Alters aus über 70 verschiedenen Nationen bei fast 80 Kochveranstaltungen. An allen fünf Standorten hinterließen wir Spuren. Geflüchtete trafen erstmals Beheimatete auf Augenhöhe, Beheimatete begegneten erst­malig Geflüchteten. Positive Erfahrungen und persönliche Begegnungen widerlegten Vor­urteile und weckten Neugier. Kontakte wurden geknüpft, Telefonnummern ausgetauscht, Netzwerke geschaffen. Sich zunächst Fremde lachten und weinten gemeinsam, tanz­ten und sangen miteinander.

Containerstatistik

Kitchen on the Run Zahlen und Fakten

Standorte unserer Europatour 2016

Map of Container LocationsBari 
15. März bis 9. April 2016

Marseille
11. April bis 8. Mai 2016

Duisburg
12. Mai bis 12. Juni 2016

Deventer
14. Juni bis 9. Juli 2016

Göteborg
13. Juli bis 7. August 2016

Berlin
18. Dezember 2015 – 11. März 2016
10. August – 28. September 2016

Bari

Parco Don Tonino Bello. Die süditalienische Stadt mit ca. 300.000 Einwohnern wurde der erste Standort unserer Reise. In einem öffentlichen Park in einem klassischen Wohnviertel nördlich des Zentrums kochten und aßen wir unter Palmen, umgeben von blühenden Bäumen und viel Grün.

Kitchen on the Run in Bari

Die Kochabende in Italien sind geprägt von großer Herzlichkeit und der Leidenschaft der Bareser, lokale Spezialitäten wie selbstgemachte Orecchiette oder Tiella Barese (ein Reisgericht mit Miesmuscheln) mit den Geflüchteten zu teilen. Der zwischenmenschlichen Wärme und dem lebendigen Zusammenkommen in der Containerküche stehen die für uns spürbaren wirtschaftlichen Probleme in der Region gegenüber. Gebündelt mit dem starken Fokus der lokalen Bevölkerung auf die eigene Familie und einem wenig multikulturell geprägten Stadtbild, sind die Rahmenbedingungen für Geflüchtete, sich in die Gesellschaft zu integrieren, von vielen Hürden durchzogen. Zudem sind viele Geflüchtete zumindest mental auf der Durchreise und planen, sobald sie Papiere haben, sich weiter Richtung Norden durchzuschlagen – doch eine solche „Durchreise“ dauert mitunter zwei bis drei Jahre.

Marseille

Comptoir de la Victorine im Stadtteil Belle de Mai. Das Viertel zählt zu den ärmsten Europas und ist eines der buntesten im ohnehin multikulturellen Marseille. Mit 850.000 Einwohnern deutlich lebhafter und größer als alle anderen Standorte unserer Reise, fand der Container ein temporäres Zuhause auf dem Hof und Parkplatz einer ehemaligen Streichholzfabrik, die heute das Zuhause mehrerer Künstlerorganisationen ist.

Kitchen on the Run in Marseille

Belle de Mai ist kein Ort, an dem man zufällig vorbeikommt. Einige Beheimatete bezeichnen die Gegend sogar als No-go-Zone, meist ohne jemals dort gewesen zu sein. Gleichzeitig sprüht die Nachbarschaft nur so vor unterschiedlichen Nationalitäten, Hautfarben und Kulturen. Eine Vielfalt die sich, wie an keinem anderen Standort, auch in unserem Container abbildet, der ein Treffpunkt zwischen Kulturen, aber auch zwischen sozialen Schichten wird. Die Selbstverständlichkeit multikultureller Unterschiedlichkeit in der Stadt empfinden viele Geflüchtete als sehr wohltuend. Gleichzeitig sind die während unseres Aufenthalts geltenden Notstandgesetzte in Folge der Pariser Terroranschläge ebenfalls präsent: Eine latente Angst und Unsicherheit vieler Geflüchteter vor Razzien und Polizeikontrollen ist deutlich wahrnehmbar.

Duisburg

Evangelische Gnadenkirche Duisburg-Neumühl. In dem ansonsten von alten Zechenhäusern, Plattenbauten und Autobahnen durchzogenen Viertel, bot uns der Kirchhof neben dem Marktplatz einen idyllischen Standort. Ehemals um eine Zeche gegründet, zählt der Stadtteil Neumühl heute zu den sozial schwächeren Vierteln der 480.000-Einwohner Stadt Duisburg.

Kitchen on the Run in Duisburg

In dem dörflich anmutenden Stadtteil der Arbeiterklasse ist eine robuste Herzlichkeit zu Hause, aber auch die Folgen des demographischen Wandels sind deutlich im Stadtbild sichtbar. In drei verschiedenen Unterkünften wohnen weit mehr als 1.000 Geflüchtete unter teils desolaten Bedingungen in unmittelbarer Laufweite zum Container. Ein Ort, zu dem Kitchen on the Run passt. Nirgends sonst sind wir den Geflüchteten so nah. Die vielen Menschen aus den Notunterkünften, oft ohne Kochgelegenheit, lieben den Container. Zudem wird unser Küchentisch zum Treffpunkt der Generationen. Besonders während des Fastenmonats Ramadan breitet sich an einer erweiterten großen Tafel unter freiem Himmel eine magische Stimmung über dem Kirchhof aus – Gänsehaut inklusive.

Deventer

Geertruidentuin. Mit knapp 100.000 Einwohnern war die beschauliche Stadt an der Ijssel der kleinste Standort unserer Reise. Dort machte der Container auf einer Freifläche vor einem ehemaligen Krankenhaus Halt, in dem sich heute mehrere Start­-Ups eingerichtet haben.

Kitchen on the Run in Deventer

Deventer ist eine Kleinstadt mit kurzen Wegen. Als wir erstmals die lokale Flüchtlingsunterkunft in einer ehemaligen Möbelfabrik besuchen, wird uns die Notwendigkeit von digitaler und lokaler Mobilität für Menschen deutlich. Auch hier wohnen die Geflüchteten zwar in einer größtenteils provisorisch eingerichteten Halle, doch ist sie mit Internetzugang ausgestattet und jedem Bewohner steht ein Fahrrad zur Verfügung. Wir sind von dem Engagement und der auffallend großen Zahl an Geflüchteten, die bereits gut die Landessprache beherrschen, beeindruckt. Insgesamt ist für uns das soziale Miteinander und die Ausgeglichenheit in der Stadt spürbar. Die positiv anmutenden Rahmenbedingungen für die Integration von Geflüchteten unterscheiden Deventer von unseren bisherigen Standorten. Manchmal ertappen wir uns bei der Frage, ob wir mit unserem Projekt hier überhaupt gebraucht werden.

Göteborg

Masthuggskajen. Direkt am Hafen von Göteborg stand der Container mit Blick aufs Wasser und auf Kräne umgeben von einer kleinen Gruppe Artgenossen. Die Adresse Emigrantenvägen – Emigrantenweg verweist auf die vielen Schweden, die sich in den 1920er Jahren in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Amerika aufmachten.

Kitchen on the Run in Göteborg

Wir haben den Eindruck, dass viele der Geflüchteten, denen wir in Göteborg begegnen, sehr gut ausgebildet und darüber hinaus ganz bewusst bis nach Schweden gekommen sind, um in diesem skandinavischen Land die besten Zukunftschancen für sich zu finden. An keinem anderen Ort verläuft die Kommunikation im Container so einfach, denn Englisch ist fast selbstverständlich die gemeinsame Sprache aller – egal ob Geflüchtete oder Beheimatete, Expats oder Urlauber. Gleichzeitig erfahren wir von Geflüchteten immer wieder, dass sie viele Schweden zwar als sehr freundlich und hilfsbereit, gleichzeitig aber als reserviert und distanziert wahrnehmen: Die Grundversorgung in Schweden ist gut, der Schritt zu freundschaftlichen Beziehungen zwischen Geflüchteten und Beheimateten aber scheint sehr groß. Ein Gefühl, das in Teilen auch für uns spürbar ist. Nicht zuletzt die Mitglieder des Internationalen Opernchors der Stadt und die Gruppe aus schwedischen und geflüchteten Wanderern von Asylstafetten – för en human flyktingpolitik – zeigen uns aber auch eine ganze andere Seite. Mehr menschliche Wärme zwischen unterschiedlichen Kulturen passt nicht in einen Container.

Berlin

Berlin – Bauphase. Hier fing alles an. Auf einem Parkplatz direkt vor dem Gebäude der Technischen Universität in Berlin wurde der Container kurz vor Weihnachten 2015 angeliefert und bis zur Abreise im März 2016 in das umgewandelt, was er heute ist: Eine funktionale und sehr wohnliche Küche.

Kitchen on the Run in Berlin

Berlin – eine erste Reise geht zu Ende. Der Container wird nach seiner Europareise fulminant in Empfang genommen. Nachdem er in den Ministergärten der Hessischen Landes­vertretung in unmittelbarer Nähe zum Potsdamer Platz noch einen kurzen Zwischenstopp machen darf, ist er Ehrengast auf dem Bürgerfest des Bundespräsidenten im Garten von Schloss Bellevue. Joachim Gauck schnippelt und isst persönlich mit uns Tabouleh und würdigt damit das Engagement der gesamten Über den Tellerrand ­Community. Diese Tage und Wochen im Spätsommer 2016 stehen im Zeichen des Rückblicks und des Erzählens. Wir merken, wie viele unterschiedliche und bewegende Momente wir erleben durften und wie wichtig es war, diese vielen Geschichten zu teilen, um damit zu ermutigen, zu inspirieren und sicherzustellen, dass die Reise im Jahr 2017 weitergeht.